Es geht nur miteinander – Gesprächsrunde der SPD-Kreistagsfraktion über Radverkehrspolitik

Die aktuellen Planungen zum Alltagsradwegenetz sind bei der Gesprächsstunde vorgestellt worden.
Pressebericht aus dem „Westfalen-Blatt“ vom 16. Februar 2019
Sie gaben auf dem Podium Denkanstöße zum Alltagsradwegekonzept (von links): Christopher Schmiegel, Frank Scheffer, Daniel Neuhaus, Klaus Tönshoff, Christoph Birnstein und Fritz Spratte.

Halle(WB). »Wir müssen weg vom Machtanspruch des motorisierten Individualverkehrs hin zu einem gleichberechtigten Miteinander aller Verkehrsteilnehmer«, zieht Gastgeber Klaus Tönshoff als verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion nach rund zweistündiger Diskussion eine vorläufige Bilanz.

Unter dem Motto »Mit Rad und Tat in 2019« lieferte ein Expertenteam auf dem Podium im Gerry Weber Sporthotel impulsgebende Beiträge, vor allem um das Publikum als »Hauptperson« zu Wort kommen zu lassen. Die rund 50 Anwesenden machten davon reichlich Gebrauch und trugen mit Erfahrungsberichten und Anregungen zur Debatte bei.

Das 2013 erstmals vorgestellte kreisintegrierte Klimaschutzkonzept besteht im Verkehrsbereich aus den Aspekten Mobilitätsverknüpfung, Radfahren, ÖPNV, Elektromobilität und Individualverkehr. Mit der provokanten Fragestellung »Ist die Verkehrswende eher eine spinnerte Idee oder dringende gesellschaftliche Notwendigkeit?« eröffnete Klaus Tönshoff die Gesprächsrunde.

Christopher Schmiegel präsentierte als Mobilitätsmanager des Kreises den aktuellen Stand der Planungen zum Alltagsradwegenetz. Dabei gehe es weniger um die Freizeitradler mit Interesse an touristischen Zielen und landschaftlichen Reizen, sondern um das Bedürfnis, möglichst schnell von A nach B zu kommen und die Kommunen des Kreises miteinander zu verbinden.

Die Mobilitätsstrategie

Studien zufolge nutzen immer noch 42 Prozent der Bürger für Strecken bis zu einem Kilometer das Auto. Mehr als die Hälfte sind es bei Wegen bis zwei Kilometer, und für fünf bis zehn Kilometer halten 72 Prozent das Auto für unentbehrlich, obwohl solche Strecken sehr wohl mit dem Fahrrad bewältigt werden könnten. Die Mobilitätsstrategie des Kreises sehe bis 2030 im Rahmen des »Modal-Split« eine Gleichsetzung von Fahrrad und Auto bei 40 Prozent vor.

Nach Ansicht von Christoph Birnstein habe sein gewerkschaftlich orientierter Auto-Club-Europa ACE bei der Namensfindung vor über 60 Jahren zwar Weitsicht mit Blick auf Europa bewiesen, mit der Festlegung auf das Auto aus heutiger Sicht aber danebengelegen. Es sei an der Zeit, sich von der Vorstellung zu verabschieden, jederzeit mit dem eigenen Fahrzeug überall hinzukommen. »Radfahrer auf der Straße sind die preiswerteste Verkehrsberuhigung«, betonte Birnstein und weist zugleich auf das mit starken Emotionen verbundene Thema hin.

Erfahrungen aus anderen Städten zeigten dagegen, dass sich das Miteinander aller Verkehrsteilnehmer durch Gewöhnung herstellen lasse und das Konfliktpotential sich dadurch deutlich verringere, so merkte ein Zuhörer an.

1000 Kilometer Radwege

Fritz Spratte, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, gibt ihm Recht: »Es lohnt sich, politisch dicke Bretter zu bohren«. Vor allem bei der Kombination verschiedener Verkehrssysteme und verbesserten Mitnahmemöglichkeiten von Fahrrädern in Bussen und Bahnen sieht er Optimierungsbedarf.

Natürlich muss auch an die technische Ausstattung der Radwege – im Kreis Gütersloh derzeit immerhin an die 1000 Kilometer, geeignete Abstellmöglichkeiten, günstige Ampelschaltungen und angepasste Verkehrsregeln gedacht werden. Woher das Geld dafür kommen soll ist unklar. Mittel aus der PKW-Maut anzuzapfen sei wohl eher ein satiretauglicher Vorschlag, merkt Klaus Tönshoff süffisant an.

Unfälle auf Radwegen

Weil sich etwa 80 Prozent aller Unfälle mit Radfahrern auf Radwegen ereignen, empfehlen Verkehrsexperten zumindest innerorts den Mischverkehr. Als praktikable Sofortmaßnahme empfahl Daniel Neuhaus vom ADFC die Aktion »Gib mir 1,50 Meter«, mit der die Behörden in anderen Städten bereits für die notwendige Sensibilisierung bei Autofahrern sorgen wollen.

Allerdings müsse man zwischen innerörtlichen Bedingungen und interkommunalen Radwegeverbindungen unterscheiden. »Bis Tempo 30 funktioniert das Miteinander, ab Tempo 50 wird es problematisch und ab Tempo 70 ist es unmöglich«, formuliert es ein Zuhörer. Radwege entlang von vielbefahrenen Bundesstraßen seien nicht empfehlenswert, wolle man nicht die Rußpartikel der Autoabgase zwischen den Zähnen haben, betont auch Fritz Spratte.